Isabel Winkelmann-Grm

"Teamspirit at its best!"

Der Ragnar Wattenmeerlauf

„250 km in zwei Tagen…!“

Als die Anfrage der Ultrajungs aus Berlin bei uns eintrudelte, wer beim Wattenmeerlauf dabei sein wollte, war ich erst einmal leicht geschockt. Aber schnell kapierte ich, dass man nicht alleine läuft, sondern sich die Strecke von Hamburg nach Sankt Peter Ording im Team aufteilt. Jede Etappe zwischen fünf und sechzehn Kilometern lang, also durchaus machbar. Im Team eine unbekannte Strecke zu erlaufen, über Deiche und Wiesen und dabei Nordluft zu schnuppern – die Vorstellung gefiel mir zunehmend. So erklärte ich mich bereit, dabei zu sein. Außer mir biss hier in Karben noch Felix an, ein Azubi aus Karben, den ich ebenso wenig kannte, wie die Mitläufer aus Berlin, Saskia Cumpl, Lars Kirchhoff, Elli Verges und Volker Neumann. Nur die Sportsfreunde aus Werne, Jens Potent, Ute Abels und Moritz Münchow, waren mir bisher geläufig, oder sagen wir lieber, bekannt.

In Hamburg trafen wir uns in einer kleinen Seitenstraße der Reeperbahn und verteilten T-Shirts, Ausweise und weitere Symbole unserer Verbundenheit: Von da an waren wir – auch nach außen sichtbar – ein echtes Team! Die Berliner und die Werner hatten die Autos mit an den Start gebracht, in denen wir die nächsten gut 24 Stunden verbringen sollten, wenn wir nicht gerade am Laufen waren oder unsere Teammitglieder anfeuerten.

Als wir am Startpunkt, dem Fischmarkt in Sankt Pauli ankamen, herrschte schon ein buntes Treiben. Mit uns waren noch etwa 150 Teams angetreten, die den Platz mit guter Laune und Hallo erfüllten. Trotz verheerender Wetteraussichten sah es jetzt fast so aus, als wollte die Sonne herauskommen. Ich war gleich für die erste Etappe gemeldet. Der Weg führte vom Fischmarkt bis zur Außenalster, vorbei an den schönsten Plätzen Hamburgs. Pünktlich mit dem Startschuss ging der Regen los. Erst leicht, dann zunehmend heftiger. Die nasskalte Nebelsuppe machte die Suche nach dem Weg nicht gerade einfacher. Pünktlich zum Lauf war das Wetter gekippt. Nach einem Supersommer mit Rekordtemperaturen und Verdörrung ganzer Landstriche fast schon skurril. Aber wir ließen uns davon nicht verdrießen.

Immer wieder begegneten einem gut gelaunte, verrückt gekleidete Läufer, die sich suchend nach dem Weg umschauten. Jeder hatte einen lockeren Spruch auf den Lippen. Nach knapp fünf Kilometern endete meine erste Etappe an der Hamburger Kunsthalle. Bis zur nächsten Etappe konnte ich nun ein bisschen im Auto trocknen und relaxen. Sie verlief, ausgehend vom beschaulichen Hafenstädtchen Glückstadt immer am Elbufer entlang.

Auch hier war der Regen mein treuer Begleiter. Ziemlich durchgeweicht, aber frohen Mutes, kam ich am Etappenziel an und machte es mir im Auto gemütlich. Als mein Wecker mich dann vor meiner dritten Etappe um drei Uhr nachts unbarmherzig aus dem Halbschlaf riss, überlegte ich mir doch, warum ich das eigentlich auf mich genommen hatte. Der Versuch, mich zu orientieren und zuerkennen, wo wir uns befanden, scheiterte am Tiefschwarz der Nacht. Eigentlich wäre Vollmond gewesen, aber da die dicken Wolken sich hartnäckig am Himmel behaupteten, war vom Mondschein nichts zu sehen. Ohne den moralischen Zuspruch meiner Teamkollegen hätte ich mich noch deutlich schwerer getan, ins kühlnasse Dunkel der Nacht einzutauchen. Aber ich fasste mir ein Herz und lief los.

„Je länger ich lief, um so besser fühlte ich mich.“

Da die Strecke am Deich entlanglief, musste man sich um die Wegführung keine Gedanken machen. Schon eher um die Schafköttel, die den Weg minenfeldartig säumten. Ansonsten wurde mein Kopf freier und freier. Irgendwann hatte ich das Gefühl, Zeit und Raum zu verlieren. Nur ich, mein Atem und das Dunkel der Nacht. Nur ich? Nein, da war doch jemand! Plötzlich reflektierte im diffusen Licht meiner Stirnlampe ein Augenpaar. Ein ziemlicher Schreck fuhr mir in die Glieder. Wer war das? Dann ein verräterisches Blöken. Eine riesige Herde Schafe, die verschreckt das Weite suchte. Irgendwoher mussten die Tretminen ja herkomme…

Als ich am Etappenziel von meinen Teamkollegen bejubelt wurde, war ich fertig und happy zugleich.

„Spätestens als wir dann nach der letzten Etappe in Sankt Peter Ording von einer sanften Meeresbrise und der endlosen Weite des Horizonts begrüßt wurden, waren Qual und Schlafmangel bei allen vergessen.“

Als unser Team dann noch erfuhr, unter den ersten zehn zu sein, war der Launepegel gigantisch. Wahnsinn, was so ein Lauf mit einem selbst und dem Team macht. Teamspirit at it’s best! Leider hatte ich im darauffolgenden Jahr beim Wattenmeerlauf schon ein Projekt. Sonst wäre ich garantiert wieder mit von der Partie gewesen!

Isabel Winkelmann-Grm, Project Manager, bei satis&fy seit 2008